Schweiz

Übersetzen, unterstützen und ermutigen

13.6.2022
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5
Min.

Was tun wir angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation? Wie wohl fast alle haben auch wir uns in der Arbeitsgruppe (AG) ProCONNECT, in der sozial-diakonischen Arbeit Linde und der lokalen Kirche in Zürich viele Fragen gestellt: Wie können wir helfen? Wo gibt es freie Zimmer mit Zugang zu Bad und Küche? Wer hat Kapazität, Geflüchtete, die Schutz suchen, zu begleiten?
Doch dann haben wir überlegt: Welches sind unsere Ressourcen? Wo liegen unsere Stärken? Was entspricht unseren Zielen als ProCONNECT? Wir sind zu folgenden Schlüssen gekommen:

Übersetzen, unterstützen und ermutigen

  • Sheikh, Mitglied der Arbeitsgruppe, kommt zwar aus Syrien, hat aber vor vielen Jahren in Russland Medizin studiert. Er kennt und liebt Menschen aus Russland und aus der Ukraine, ist vertraut mit ihrer Kultur und spricht ihre (meist) gemeinsame Sprache Russisch. Er ist bereit, für Flüchtlinge zu übersetzen, wo es nötig ist.
  • Die Schutzsuchenden haben Dramatisches erlebt. Wie helfen wir ihnen, damit umzugehen? Einheimische, welche Flüchtlinge aufgenommen haben, brauchen Informationen, wie sie ihre Gäste im Umgang mit dem Erlebten unterstützen können. Als ProCONNECT bieten wir immer wieder Workshops mit Fachreferenten an, um Leute aus Gemeinden und Kirchen in ihren Kompetenzen im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen zu stärken.
  • In den zwei Kirchen, die uns im Mai für einen ProCONNECT-Gottesdienst eingeladen haben, haben einzelne Personen oder die Gemeinde Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. Sie bieten Deutschkurse an und begleiten die Neuangekommenen. Wir konnten sie mit unserem Besuch ermutigen. Dankbar für das Verständnis Immer, wenn Leute in einen Anlass der sozial-diakonischen Arbeit Linde kommen, die russisch sprechen, ist Sheikh da und spricht mit ihnen, wenn sie es wünschen. Dafür braucht es ein sensibles Herausspüren, was dran ist und was nicht. Da war ein Russe, der sich nicht gleich als Russischsprachiger outen wollte. Doch schon beim zweiten Treffen sagte er: «Danke für diese gute Zeit der Deutschkonversation!» Er hat Vertrauen gefasst, schätzt die wohlwollende Atmosphäre und spricht gerne ein wenig in seiner Muttersprache. Oder da kommen Ukrainer, die vielleicht auch nicht gleich russisch sprechen wollen. Sheikh ist zurückhaltend und schaut, was hilfreich ist. Oft sehe ich, wie Leute im Gespräch mit ihm einen offenen Blick bekommen und dankbar sind für seine Worte. Wie schön, dass Sheikh, der selber Flüchtling war, in der Gemeinschaft mit Schweizer Christen anderen mit seinen Fähigkeiten dienen kann. Auch in der Kirche, zu der er gehört, übersetzt er immer wieder, wenn russisch sprechende Gäste kommen.

Aufeinander zugehen

Ein besonderes Erlebnis war ein Pro-CONNECT-Gottesdienst zum Thema: «Gott schreibt Geschichte mit Migranten» mit anschliessendem Mittagessen in einer Gemeinde im Kanton Thurgau. Ein Auto voll mit Leuten der Arbeitsgruppe ProCONNECT fuhr dorthin. Jede(r) von uns gab etwas in die Gemeinschaft hinein: Amedi erzählte, wie er – wie Josef in Ägypten - Gottes Gegenwart auf seiner gefährlichen Flucht aus dem Orient und in der unbekannten Schweiz erlebte. Jesus, der Messias, ist ihm persönlich begegnet. Sheikh übersetzte für die Gottesdienstbesuchenden aus der Ukraine. John aus Eritrea liebt es, mit jungen oder älteren Gemeindeleuten zu «connecten». Sogar mit einer neu angekommenen jungen Frau aus der Ukraine, die dasselbe Fachgebiet wie er studiert, hat sich eine gute Begegnung ergeben. Fatima und ihre Kinder aus Syrien knüpften Kontakte und Fatima erzählte von ihren Erfahrungen. Wir haben uns gefreut zu spüren, dass wir diese Gemeinde in ihrem Engagement für Flüchtlinge ermutigen konnten.

Teilnehmende am Workshop «Heilsame Freundschaft»

Wertvolles Fachwissen

Mit der Fachreferentin Sandra Menges konnten wir Ende Mai einen Workshop zum Thema «Heilsame Freundschaft – Geflüchtete emotional unterstützen» anbieten. Chrischona Zürich stellte dafür die Räumlichkeiten zur Verfügung und so hatten wir einen guten Rahmen für die verschiedenen Themen, die mit Referaten kommuniziert oder in Gruppen erarbeitet wurden. Wir dachten nach über die Frage: Was brauchen Flüchtlinge? Die Referentin erklärte, was ein psychisches Trauma ist, was da passiert und was geschehen sollte, damit es verarbeitet werden kann. Dann hörten wir einen Vortrag zum Thema Angst, ihre Symptome und einen guten Umgang mit ihr. Davon profitierten wir Zuhörenden auch für uns selber. Nach der Mittagspause lernten wir den strukturierten Ablauf eines Debriefings (Verarbeitungsprozesses) kennen, der bis zu sechs Monaten nach dem traumatisierenden Ereignis sinnvoll ist. Und zum Abschluss nahm uns Sandra Menges mit in die Welt der Kinder. Ihre Bedürfnisse in traumatischen Umständen wurden uns kreativ gezeigt. Die fachliche Ausbildung, die weltweite, reiche Erfahrung der Referentin sowie ihre christliche Verankerung waren für die Teilnehmenden des Workshops eine wertvolle Hilfe.

Die Referentin am Workshop in Zürich

Als Arbeitsgruppe ProCONNECT lassen wir uns weiterhin gerne in Kirchen einladen, um Gottesdienste oder Workshops zu gestalten. Unser Ziel ist die Ermutigung von Schweizer Christen und Menschen mit Migrationshintergrund für ein gutes Miteinander.

Herzlichen Dank für alle Unterstützung unserer Arbeit.

Rahel Strahm, Leitung ProCONNECT

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